Reutlinger Nachrichten - Cannabis made in Reutlingen


Reutlingen Der erste Cannabis Social Club in Reutlingen hat seine Lizenz: „BlumenTheo“ Reutlingen will ab November seine Mitglieder mit Cannabis versorgen. Von Mathias Grimm

 

Sascha Todorovic fingert durch einen schweren Schlüsselbund. Metall klirrt, sein Blick huscht suchend über die Schlüssel, bis er den richtigen findet. „Da wünsche ich mir fast schon ein System mit Fingerabdrucksensor“,  sagt er grinsend. Ein kräftiger Ruck, die schwere Metalltür öffnet sich mit tiefem Knarzen. Dahinter: kein geheimnisvoll leuchtender „Growroom“, sondern ein funktioneller Raum mit weißen Wänden, gefliestem Boden, einem Tisch und ein paar Stühlen – Vereinsheim statt Untergrundplantage. An einer Wand hängen Flyer des
Bundesgesundheitsministeriums über Cannabis und Jugendschutz. Willkommen im ersten legalen Cannabis Social Club von Reutlingen: „BlumenTheo“. Eine Treppe nach unten lässt Todorovic wieder zum Schlüsselbund greifen: Eine Stahltür mit Gitterrahmen, schwer wie ein Gefängnistor, eingebaut in die Reste der alten Bahnwerkstatt. Werhier reinwill, braucht mehr als einen Bolzenschneider. Dabei wäre schon der Versuch zwecklos: Sofort würde Polizeialarm ausgelöst – samt Rauchbombe. „Die war beim Sicherheitssystem mit dabei“, sagt Todorovic und zucktmit den Schultern.

Hinter der Tür beginnt der Anbaubereich. In der Halle mit ihren 600 Quadratmetern sind drei Räume. Aufzucht, Blüte und Trocknung geschehen dort momentan auf 90 Quadratmetern. Im Blüteraum: sattgrüne Jungpflanzen     unter grellem LED-Licht, bei konstanten 24 Grad sauber verspannt mit weißen Schnüren. Süßlicher Cannabisduft hängt subtil in der Luft, mit ihrer Feuchte von penibel überwachten 60 Prozent – das Filtersystem leistet volle Arbeit.

Alex Kuhnle, die im Verein für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist, erklärt die Anbaumethode. Sie nennt sich „Sea of Greens“: Viele kleine Pflanzen wachsen dicht nebeneinander und werden früh in die Blüte geschickt –
ein „grünes Meer“ aus Blüten entsteht bei kurzer Wachstumszeit. Sascha Todorovic trägt einen weißen Kittel und eine Haube über dem grauen Hoodie – fast wie im Labor. Die Sonnenbrille zieht er wegen der grellen LED- Lampen an, die den berauschen den Pflanzen echten Sonnenschein vorgaukeln. Vier Stunden täglich, schätzt er, braucht die Pflege. Gießen, kontrollieren, lüften, reinigen – alles von Hand. Vier bis sechs Wochen nach der Aufzucht ziehen die Pflanzen in den nächsten Raum: die Blüte. Dort zeigen sie ihre volle Pracht. Danach geht es zweieinhalb Wochen in den Trockenraum.
Was ab Mitte November an die Vereinsmitglieder geht, sind zwei Sorten Marihuana mit fantasievollen Namen: die Sorte „Super Buff Cherry #262“ und „Permanent Marker – Doja“. Pestizide werden nicht verwendet – Bio-Cannabis made in Reutlingen. Den Gehalt des Wirkstoffs THC (Tetrahydrocannabinol) bestimmt nach der Ernte ein Labor. Das ist auch im Sinne des Jugendschutzes wichtig: An 18- bis 20-Jährige dürfen nur Sorten mit maximal zehn Prozent THC abgegeben werden. Der Club „BlumenTheo“ ist der erste im Kreis mit Lizenz – und der 13. in Baden-Württemberg. Der Name des Vereins stammt von Todorovics Großvater, der in der Lindachstraße einst Blumen verkaufte.

Anmeldung erst jetzt möglich – Noch hat der Club keine Mitglieder. Das ist Absicht. „Andere Clubs hatten schnell zu viele – und dann stieg ihnen die Sache über den Kopf“, sagt Todorovic. In Reutlingen will man erst liefern – dann öffnen. Maximal 500 Mitglieder sind erlaubt. „Ein Querschnitt der Gesellschaft“, hofft er. Der Beitrag richtet sich nach der gewünschten Menge: mindestens 67,50 Euro für 5 Gramm pro Monat, höchstens 192,50 Euro für 15. Jeweils inklusive Mitgliedsbeitrag und Mehrwertsteuer. Das wirkt teuer – rund 12,50 Euro pro Gramm ohne Beitrag und Steuern. Doch Todorovic betont: „Das ist kein Preis, den wir uns einfach ausgedacht haben.“ Miete, Technik, Umbauten, Arbeitsstunden, Auflagen – alles sei eingepreist. Und anders als auf dem Schwarzmarkt, wo Cannabis gestreckt werde – mit Zucker, Haarspray, Glas oder gar Blei –, seien die Blüten von „BlumenTheo“ sauber, geprüft, rückverfolgbar.

Die Social Clubs müssen als eingetragene Vereine organisiert sein – mit Vorstand, Satzung und Mitgliederversammlung. Gewinne sind verboten, ebenso Werbung und Spenden. Trotz aller Auflagen gelten sie steuerlich nicht als gemeinnützig. „Wir machen alles wie ein Verein – nur ohne die Vorteile“, sagt Todorovic.

„30 Jahre lang“, sagt der 56-Jährige, „war ich als Illegaler unterwegs.“ Das änderte sich mit der Legalisierung. Bei der Halle schaute die Polizei zur „Schwachstellenanalyse“ vorbei. Der Beamte entschied: Stahlgitter vor Kellerfenstern reichen nicht – also wurden sie zugemauert. Die Arbeit mit dem Regierungspräsidium beschreibt Todorovic als „sehr gut“ – zwar habe sich alles erwartbar gezogen, doch die Lizenz gab es Ende März. Alex Kuhnle spricht von einem künftigen Abgaberaum an einem weiteren Standort. Dort wird sich womöglich auch der Spruch finden, der über der Stahltür in der Aufzuchthalle steht: Keine Pflanze ist illegal.