Nürtinger Zeitung – Cannabis-Club aus Reutlingen legt bald los

Der Club Blumen-Theo Reutlingen hat alle bürokratischen Hürden genommen und steht kurz vor der ersten Ausgabe von Hanf an seine Mitglieder. Wie ist den Reutlingern gelungen, woran andere gescheitert sind?

Von Barbara Gosson REUTLINGEN. Die am besten gesicherte Plantage der Region befindet sich in Reutlingen. Im Keller einer ehemaligen Reparaturwerkstatt der Bahn, geschützt von mehreren Türen und einer Alarmanlage, wachsen gut beleuchtet, temperiert und belüftet viele halbmetergroße Pflanzen mit handförmigen Blättern und verbreiten ihren würzigen Duft. Wer in den Raum möchte, muss vorher eine Kopfhaube und einen weißen Mantel zum Schutz anziehen. Dann steht man mitten in einer der ersten legalen Cannabis-Plantagen der Region. Bald sind die Hanfpflanzen erntereif und können getrocknet werden. Dann werden sie an die Mitglieder des CSC Blumen-Theo Reutlingen ausgegeben. Damit ist der Club der erste in der Region, der es geschafft hat, sämtliche bürokratische Hürden zu überwinden und tatsächlich legal Cannabis anzubauen. Am 1. April 2024 trat das Konsumcannabisgesetz in Kraft und gestattete nach Jahrzehnten der Prohibition Erwachsenen den Anbau und Konsum von Cannabis. Es ermöglichte auch ab 1. Juli 2024 die Gründung von Anbauvereinigungen, sogenannten Cannabis Social Clubs (CSC). Der Enthusiasmus war groß, in fast jeder größeren Stadt fanden sich Menschen zur Gründung eines CSC zusammen. Als unsere Zeitung vor einigen Wochen in Nürtingen, Esslingen und Fellbach anfragte, was nach über einem Jahr daraus geworden ist, kam keine Antwort. Stattdessen meldete sich Sascha Todorovic vom CSC Blumen-Theo Reutlingen und berichtete, dass sein Verein kurz vor der ersten Ausgabe von Cannabis an die Vereinsmitglieder aus der Region stehe. Er lädt die Nürtinger Zeitung ein in die Anbauhalle und zeigt die 300 Pflanzen aus zwei Sorten im Hochsicherheitsgewächshaus. Die unterirdische Halle ist ideal, um sämtliche geforderten Sicherheitsvorkehrungen zu treffen. Bei ungewöhnlichen Aktivitäten am Eingang wird eine Sicherheitsfirma alarmiert und kann notfalls den ganzen Raum vernebeln. Die Halle ist nochmals in mehrere Kammern unterteilt. Wenn der Anbau richtig anläuft, werden die Setzlinge in einer Kammer angezogen, in der zweiten zur Blüte gebracht und in der dritten getrocknet. In diesem fortlaufenden System kann alle zwei Monate geerntet werden. Falls die Nachfrage steigt, wäre in der Halle Platz für Erweiterungen. Die jetzigen Installationen haben die handwerklich begabten Vereinsmitglieder in viel Eigenleistung selbst erstellt aus Materialien, die schon einmal anderswo verbaut waren, also ein nachhaltiges Projekt, erzählt Todorovic. Die Pflanzen zeigen, was sie wollen Um die Pflanzen kümmert sich ein Vereinsmitglied, der „Grow-Master“. „Man benötigt schon einen grünen Daumen und ein Gespür für die Pflanzen, die zeigen schon, was sie brauchen“, sagt Todorovic. Zweimal am Tag werden sie von Hand bewässert. Die liebevolle Pflege sieht man ihnen an, sie zeigen alle ein sattes Grün ohne braune Stellen. Jeder einzelne Topf trägt eine Nummer. Diese ist wichtig, um der Dokumentationspflicht den Behörden gegenüber gerecht zu werden. Genau wird aufgeschrieben, wie viel von den einzelnen Pflanzen geerntet wird. Sascha Todorovic erzählt, wie die erfolgreiche Vereinsgründung gelungen ist. Blumen- Theo ging aus einer Initiative für die Legalisierung von Cannabis hervor. Der Verein wurde im November 2023 von acht Personen gegründet und änderte mit der Legalisierung seinen Vereinszweck zu einer Anbaugemeinschaft. Bis zur Genehmigung des Anbaus dauerte es 381 Tage. Dann kam das Okay aus dem Regierungspräsidium Freiburg, das für ganz Baden-Württemberg zuständig ist. Dort kümmern sich laut Todorovic vier Mitarbeiter um die neue, komplexe Gesetzeslage. Die Überwachung liege nun beim Regierungspräsidium Tübingen und sogar die Polizei war da für einen Schwachstellen-Rundgang. Die Gründungsmitglieder haben viel Eigenleistung und Geld in das Gelingen des Projekts gesteckt. Reutlingen ist landesweit der 13. Club, der eine Genehmigung bekommen hat. Die nächsten funktionierenden CSC sind in Mannheim, Biberach oder Pforzheim. Die Clubs sind alle in einem Dachverband vernetzt, wo man einander in rechtlichen und praktischen Fragen aushilft. Jetzt, wo die erste Ernte bevorsteht, nimmt der CSC neue Mitglieder auf, die einen Mitgliedsbeitrag bezahlen und zusätzlich noch 19 Prozent Mehrwertsteuer auf das abgegebene Gras. Das Geld wird in die Pacht und den Anbau investiert, denn der Verein ist nicht profitorientiert. Mitglied werden können Menschen ab 21 Jahren, die einen festen Wohnsitz in Deutschland haben und keinem anderen CSC angehören. Für Personen zwischen 18 und 21 gelten weitere Einschränkungen, deshalb werden sie nicht aufgenommen, um bürokratischen Aufwand zu vermeiden. Ein CSC kann maximal 500 Mitglieder haben. Erst jetzt werden neue Mitglieder aufgenommen Die späte Öffnung für zusätzliche Mitglieder unterscheide Blumen-Theo von vielen anderen Clubs, die schnell gewachsen sind, Erwartungen geweckt haben und dann nur wenige Mitglieder hatten, die bereit sind, sich zu engagieren. „Wir wollten es einmal richtig machen und den Ball ins Rollen bringen“, sagt Todorovic. Nun ist er gespannt, ob die neuen Mitglieder nur ihr Cannabis abholen oder sich auch einbringen wollen. Haben Interessenten Angst, als Mitglieder eines CSC registrierte Kiffer zu sein, die Probleme mit der Führerscheinstelle oder andere Nachteile bekommen? Sascha Todorovic denkt, dass für manche schon eine Hemmschwelle besteht. „Endlich, nach über 100 Jahren, gibt es eine legale Möglichkeit, Cannabis zu bekommen. Natürlich besteht das Risiko, dass Behörden Daten missbrauchen, aber das tut Google auch. Wer Daten will, bekommt sie auch. Wir melden jedenfalls nichts weiter.“ Durch die Öffnung für weitere Mitglieder gibt es für die Kerntruppe viel zu tun. Ein neues Vereinsheim wird gesucht, das eine Begegnungsstätte werden soll, in der Events und Schulungen zu Jugendschutz, Suchtprävention, Risiken und sicherem Konsum stattfinden sollen. Der Verein stehe für verantwortungsvollen Konsum. Leider sei es nicht möglich, öffentlich aufzuklären, nur die Informationen aus dem Bundesgesundheitsministerium dürfe man auslegen. „Wir werden von Teilen der Behörden und der Bevölkerung dämonisiert. Wir möchten aber zeigen, dass wir einen Querschnitt der Gesellschaft darstellen“, sagt Todorovic. Das Gesetz an sich findet Todorovic gut: „Manche rauchen halt lieber, als abends ein Bier zu trinken. Wir sind froh, dass das nun entkriminalisiert wurde.“ Er glaubt nicht, dass eine andere Regierung das Gesetz wieder zurücknehmen wird, denn immerhin wird mit Cannabis Geld verdient und der Schwarzmarkt zurückgedrängt. Die Lizenz des CSC Blumen-Theo gilt für sieben Jahre und lasse sich nicht einfach zurücknehmen. „Wir haben jetzt einen langen Atem gebraucht und es mit der Bürokratie aufgenommen“, sagt Todorovic. „Ich bin jetzt zufrieden, wie es gelaufen ist.“

Sascha Todorovic pflegt die Pflanzen, die bald geerntet werden sollen.