Schwäbisches Tagblatt Tübingen – Was die Anbauvereine machen
Teillegalisierung Bei den legalen Bezugsquellen von Cannabis spielen Anbauvereine bisher
eine marginale Rolle. Die bürokratischen Hürden sind hoch. Von Mia Dumont
Die Abgabestelle des Cannabisanbauvereins „BlumenTheo“ befindet sich gut sichtbar in einem Ladengebäudein der Reutlinger Straße in Reutlingen. Gegenüber ist ein Wohngebiet, in der Straße herrscht reger Durchgangsverkehr. „Die Abgabestelle ist gleichzeitig unser Vereinsheim“, sagt Sascha Todorovic, Mitgründer undVorsitzender. Bei dieser Adresse sei der Verein auch offiziell gemeldet. Ein Geheimnis ist die legale Abgabestelle für Cannabis also nicht. Doch anders als andere Vereine
oder Läden darf kein Schild oder gar Werbung auf „Blumen Theo“ hinweisen. Mit der Lage ist Todorovic zufrieden, die Anbindung ist gut, in unmittelbarer Nähe ist eine Bushaltestelle. Früher, erzählt Todorovic,
sei in den Räumen ein Laden mit Equipment für den Eigenanbau drin gewesen. Doch der lief nicht gut – der Vorgänger gab auf. Seitdem mietet „Blumen Theo“ die Räumlichkeiten.
Das CAV Tübingen wartet noch Mehr als 110 Mitglieder zählt der Anbauverein mittlerweile, maximal
500 Mitglieder sind erlaubt. Der Altersdurchschnitt liegt bei Ende 40, 15 Prozent sind Frauen.
21 Jahre beträgt das Mindestalter. Das Einzugsgebiet reicht über Reutlingen hinaus, die Abnehmer
kommen aus Tübingen, Rottenburg, Stuttgart, Nürtingen und von der Schwäbischen Alb.
Einer der Gründe: Im Kreis Tübingen ist „Blumen Theo“ der einzige Verein mit Lizenz, der bereits an den Start
gegangen ist. Von der Cannabisanbauvereinigung (CAV) Tübingen heißt es auf Nachfrage: „Der CAV
Tübingen wartet noch auf die letzte baurechtliche Hürde.“ Da es in Tübingen „mau ist“, wie Betty D. (Name von der Redaktion geändert) sagt, kommt auch sie regelmäßig nach Reutlingen. Die 59-Jährige ist seit knapp
einem halben Jahr im Verein. Schon lange habe sie auf die Legalisierung von Cannabis gewartet.
Sie hat sich auch aus einem anderen Grund für „Blumen Theo“ entschieden: „Mein Fokus ist, dass das
Profis machen.“ Das sei in Reutlingen der Fall. Aus Tübingen kommt auch Susanne Gall-Mangliers (geboren
1971). Erfahren von „Blumen Theo“ habe sie aus der Zeitung. Gall-Mangliers bezeichnet die Legalisierung
als richtigen Schritt, kritisiert aber die „sehr, sehr harten Vorschriften“ für die Anbauvereine.
Sie habe bei anderen Vereinen mitbekommen, wie schwierig es mit der Gründung ist. Ausweis, Zertifikat und Security
Zurück nach Reutlingen: Es ist Mittwoch, kurz nach 17 Uhr. Im schwarz gestrichenen Abgaberaum
mit Leder-Eckcouch und großformatigen Bildern von Cannabispflanzen an den Wänden sitzt Jörg Schönenborn am Laptop. Er kümmert sich im Verein um die Finanzen und koordiniert die wöchentliche Abgabe. Die ersten
Mitglieder sind bereits da. Ein Security-Mann, der wöchentlich für die Abgabezeit vom Verein engagiert
wird, beobachtet das Geschehen. „Die Abgabe erfolgt nur persönlich und mit Ausweiskontrolle“,
betont Schönenborn, der auf seinem Laptop eine Liste verwaltet, in der eingetragen ist, welche
Abgabemenge das Mitglied reserviert hat. „Die Reservierung läuft pro Monat“, erklärt Todorovic.
Nicht jeder komme jede Woche. Das Gramm kostet 12,50 Euro, die monatliche Höchstabgabemenge
beträgt 50 Gramm pro Person. 5 Euro Mitgliedsbeitrag fallen zusätzlich jeden Monat an. Überreicht bekommen die Abnehmer ihr Cannabis in braunen, lichtundurchlässigen Gläsern, die sorgfältig etikettiert sind. Neben
dem THC-Gehalt sind die CBDMenge ebenso aufgeführt wie das Ernte- und Verfallsdatum, der
Sortenname und wie viel Gramm sich im Glas befinden. Dazu händigt Schönenborn jeweils ein Zertifikat
aus, das Auskunft darüber gibt, dass man das Cannabis legal erworben hat. „Falls man unterwegs
in eine Kontrolle kommt“, fügt Todorovic hinzu.
Es reihen sich die Aktenordner Welchen bürokratischen Aufwand der Verein zu stemmen hat, kann
man erahnen, wenn man den Hinterraum betritt, der als Büro dient. In den Regalen reihen sich die Aktenordner
aneinander. Nicht sichtbar ist die Verwaltung der über 110 Mitglieder, einschließlich der Mails, die Todorovic täglich bearbeitet. Dazu kommt die Verwaltung der App „Cananas“, über die die Mitglieder ihre Abholmengen
reservieren und sich erstmalig registrieren. Auch das verbleibende Monatskontingent zeigt die App an. „Es ist ein Fulltime-Job“, sagt Todorovic, der den Verein wie auch Schönenborn neben seinem regulären Vollzeitjob betreibt.
Auf seinem Laptop hat Schönenborn nicht nur eine Liste, um die Abgabemengen zu protokollieren,
sondern auch eine Tabelle, die anzeigt, wer wie viele Arbeitsstunden leistet. „118 Stunden in diesem
Jahr schon“, sagt Schönenborn. Es sei wie in jedem Verein, sagt Todorovic, es gebe einen harten Kern,
der viel mache, und auch einige, die sich gar nicht beteiligen. Als Nächstes wird ein Garten vor der
Anbauhalle angelegt. Auch das wird Vereinsarbeit sein. Die Anbauhalle ist neben der Abgabestelle das zweite Herzstück des Vereins – allerdings gut geschützt. Mehrere Türen muss man passieren, bis man in der rund 500
Quadratmeter großen Halle steht, in der sich ursprünglich eine Reparaturwerkstatt der Deutschen
Bahn befand. „Wir nutzen gerade mal 100 Quadratmeter“, sagt Todorovic. Die Fenster wurden in Eigenarbeit
zugemauert – aus Sicherheitsgründen. Vom Hauptbereich gehen mehrere Räume ab: Todorovic zeigt den Anzucht-, Blüten- und Trockenraum. „Die heiligsten Hallen, die wir zu bieten haben.“
Im Blüteraum ist alles so eingerichtet, dass die Pflanzen optimale Bedingungen vorfinden: grelles
Licht, 23 Grad, eine Luftfeuchtigkeit von 56 Prozent. „Gut“, sagt Todorovic mit Blick auf die Anzeige.
„Wir sind echte Ökos“, sagt er schmunzelnd und erklärt, dass das Wasser, das im Raum durch die
hohe Luftfeuchtigkeit entstehe, abgezogen und an anderer Stelle zum Gießen verwendet werde. Neben
dem Trockenraum befindet sich ein Vereinsraum. Dort wird etwa gemeinsam die Ernte verarbeitet.
„Wir haben am Samstag das zweite Mal geerntet“, sagt Todorovic und bezieht sich auf den Zeitraum
seit Ende August. Bisher hätten sie Glück gehabt, weder Pilze noch Mehltau, „der größte Feind“,
machten bisher ein Problem. Todorovic zieht Bilanz: „Wir sind jetzt ein Jahr am Start, und natürlich
sind mehr Leute schön, aber eigentlich sind wir mehr als zufrieden.“ Künftig plant der Verein,
die Halle weiter auszubauen, um noch mehr Pflanzen anbauen zu können.