Persönlicher Bericht zur Mary Jane Berlin 2026
Aus Sicht eines Vorstands eines Cannabis Social Clubs
Von Sascha Todorovic
Die Mary Jane in Berlin gilt mittlerweile als das Aushängeschild der deutschen Cannabisbranche. Tausende Besucher, große Bühnen, internationale Firmen, Influencer, medizinische Anbieter, Zubehörhersteller und mittlerweile auch politische Vertreter treffen dort aufeinander. Für viele ist die Messe ein Zeichen dafür, dass Cannabis endlich in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist.
Für mich persönlich blieb nach der Veranstaltung jedoch ein sehr gemischtes Gefühl zurück — irgendwo zwischen Begeisterung, Hoffnung, Frustration und auch Schock.
Ich war auf der Mary Jane nicht nur als Besucher unterwegs, sondern vor allem in meiner Funktion als Vorstand eines Cannabis Social Clubs. Genau aus dieser Perspektive wurde mir deutlicher denn je gezeigt, wie widersprüchlich und unausgewogen die aktuelle Situation in Deutschland inzwischen ist. Bereits die Anreise war Teil des Erlebnisses. Wir sind mit dem FlixTrain von Stuttgart nach Berlin gefahren, und schon während der langen Fahrt war etwas Besonderes spürbar. Der Zug füllte sich zunehmend mit Besuchern der Mary Jane, und je näher wir Berlin kamen, desto deutlicher wurde, dass hier eine große gemeinsame Bewegung unterwegs ist.
Schon auf der Hinfahrt entstand eine außergewöhnlich positive Atmosphäre. Menschen kamen ins Gespräch, man erkannte sich gegenseitig als Teil derselben Community, und überall war die Vorfreude auf die kommenden Tage spürbar. Diese Mischung aus Erwartung, Gemeinschaft und dem Gefühl, gemeinsam etwas Friedliches und Positives zu erleben, machte die Reise bereits besonders. Auch über Berlin selbst lag für mich vier Tage lang spürbar der Duft von Cannabis in der Luft. Messe, Straßenleben, Events und Community-Treffen verliehen der Stadt eine ganz eigene Atmosphäre.
Trotz aller Kritik möchte ich zuerst etwas hervorheben, das mich wirklich beeindruckt hat:
Die Stimmung auf der Mary Jane war in vielen Momenten außergewöhnlich positiv. Menschen aus den unterschiedlichsten Ländern, Kulturen und Altersgruppen kamen friedlich zusammen. Junge Erwachsene, ältere Menschen, Patienten, Unternehmer, Aktivisten und ganz normale Interessierte feierten gemeinsam eine riesige Veranstaltung — und das größtenteils entspannt und respektvoll miteinander. Besonders bemerkenswert fand ich, dass Alkohol auf der Veranstaltung gefühlt kaum eine Rolle spielte. Stattdessen herrschte eine friedliche, lockere und fast schon familiäre Atmosphäre. Keine aggressive Grundstimmung, keine Eskalationen, keine Massen betrunkener Menschen, wie man sie von vielen Volksfesten oder Großveranstaltungen kennt.
Wenn man das selbst erlebt hat, wird einem klar, wie stark das öffentliche Bild von Cannabis noch immer von Vorurteilen geprägt ist. Für mich war die Mary Jane in vielen Momenten ein positives Beispiel dafür, wie Menschen verantwortungsvoll und friedlich miteinander feiern können. In dieser Hinsicht wirkte die Veranstaltung fast wie ein Vorbild moderner Festkultur.
Besonders wertvoll waren für mich auch die Gespräche mit anderen Vorständen und Verantwortlichen von Cannabis Social Clubs aus ganz Deutschland. Durch diesen Austausch wird erst wirklich sichtbar, wie unterschiedlich die Situation je nach Bundesland gehandhabt wird.
Ein weiterer Aspekt, der mir auf der Mary Jane und den zahlreichen Abendveranstaltungen rund um die Messe besonders aufgefallen ist, betrifft die wirtschaftliche Entwicklung dieser Branche. Jeden Abend fanden große Partys, Networking-Events und exklusive Veranstaltungen statt. Wir waren an mehreren Abenden unterwegs und haben viele interessante Gespräche geführt. Dabei fiel mir jedoch eines besonders auf:
Nahezu alle großen Veranstaltungen wurden von amerikanischen oder englischen Firmen organisiert und finanziert.
Internationale Unternehmen dominieren mittlerweile nicht nur die Sichtbarkeit auf der Messe selbst, sondern zunehmend auch die kulturellen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen dieser neuen Branche. Das hat mich nachdenklich gemacht. Denn eigentlich entsteht hier gerade ein komplett neuer Markt in Deutschland — und trotzdem wirkt es teilweise so, als würden wir ihn schon jetzt wieder weitgehend an ausländische Unternehmen übergeben. Während deutsche Cannabis Social Clubs mit strengen Auflagen kämpfen und sich durch Bürokratie arbeiten müssen, treten nationale und internationale Firmen mit enormen Budgets, professionellem Marketing und globalen Netzwerken auf. Der Unterschied in den Möglichkeiten ist gewaltig.
Darin sehe ich langfristig durchaus eine Gefahr:
Dass die ursprüngliche Idee hinter der Legalisierung — nämlich Aufklärung, Gemeinschaft, Eigenverantwortung und die Eindämmung des Schwarzmarktes — zunehmend von wirtschaftlichen Interessen verdrängt wird.
Ein weiteres Thema, über das aus meiner Sicht endlich ehrlich gesprochen werden muss, betrifft den aktuellen Umgang mit Medizinalcannabis im Internet. Machen wir uns nichts vor:
Ein großer Teil der Menschen nutzt diese Online-Angebote und „Internet-Ärzte“ mittlerweile offensichtlich nicht ausschließlich aus medizinischen Gründen, sondern schlicht für Freizeitkonsum.
Wenn es in Deutschland teilweise ausreicht, online einige Fragen zu beantworten und kurze Zeit später Cannabis verschrieben zu bekommen, muss man sich ernsthaft fragen, ob das noch dem ursprünglichen Gedanken einer medizinischen Versorgung entspricht.
Genau das sorgt bei vielen Cannabis Social Clubs für enormes Unverständnis. Während CSCs streng kontrolliert werden, Werbung praktisch verboten ist und jeder Schritt dokumentiert werden muss, entsteht parallel ein System, in dem Cannabis über digitale Plattformen teilweise extrem unkompliziert verfügbar gemacht wird.
Dabei möchte ich ausdrücklich betonen:
Menschen, die tatsächlich medizinisches Cannabis benötigen und dies von ihrem behandelnden Arzt verschrieben bekommen, sollen selbstverständlich weiterhin die Möglichkeit haben, ihr Cannabis legal und unkompliziert über Apotheken oder auch Online-Angebote zu beziehen. Daran gibt es für mich überhaupt keinen Zweifel.
Die aktuelle Entwicklung wirkt jedoch teilweise so, als würde Freizeitkonsum zunehmend über den medizinischen Bereich organisiert werden — und genau das kann langfristig eigentlich nicht der richtige Weg sein. Umso größer war für mich der Widerspruch zu dem, was ich parallel auf der Mary Jane wahrgenommen habe.
Während Cannabis Social Clubs bis ins kleinste Detail reglementiert werden, sich durch Bürokratie kämpfen müssen und permanent Angst haben, gegen Auflagen zu verstoßen, bewegen sich große Medizinalcannabis-Unternehmen offenbar in einer völlig anderen Realität. Als CSC stehen wir unter enormem Druck. Werbung ist praktisch tabu. Öffentlichkeitsarbeit bewegt sich ständig in einer Grauzone. Jede Aussage muss mehrfach überdacht werden, damit sie nicht als unzulässige Werbung ausgelegt wird. Veranstaltungen, Social Media und Mitgliederkommunikation werden streng beobachtet. Gleichzeitig tragen wir eine enorme Verantwortung gegenüber Jugendschutz, Dokumentation, Prävention und gesetzlichen Vorgaben.
Auf der Mary Jane entstand dagegen teilweise der Eindruck, dass genau diese Regeln für andere Marktteilnehmer kaum gelten. Medizinalcannabis-Firmen präsentierten sich mit riesigen Messeständen, professionellem Marketing, auffälliger Werbung, Merchandise, Influencern und teilweise fast schon aggressiver Markenpräsenz. Produkte wurden inszeniert wie Lifestyle-Artikel. Überall Logos, Promotion und Hochglanzkampagnen. Teilweise wirkte es wie ein Wettbewerb darum, wer die stärkste Marke etabliert.
Genau dort entsteht für mich ein massiver Widerspruch.
Denn während Cannabis Social Clubs eigentlich als gemeinschaftliches und nicht-kommerzielles Modell gedacht sind, werden wir behandelt, als wären wir ein Sicherheitsrisiko. Gleichzeitig agieren große wirtschaftliche Akteure im medizinischen Bereich mit erheblich mehr Freiheiten und finanziellen Möglichkeiten. Dadurch entsteht zwangsläufig das Gefühl, dass hier mit zweierlei Maß gemessen wird.
Was mich persönlich jedoch besonders überrascht und gleichzeitig schockiert hat, war ein anderer Aspekt der Veranstaltung:
Rund um die Mary Jane hatte ich stellenweise den Eindruck, dass sich neben der offiziellen Messe auch ein sehr großer illegaler Markt entwickelt hat. Der Konsum war nahezu überall präsent, und es wirkte teilweise erschreckend einfach, innerhalb kürzester Zeit an Cannabisprodukte wie Blüten, Hasch, vorgerollte Joints oder Rosin zu gelangen — unabhängig von offiziellen oder kontrollierten Strukturen. Für jemanden wie mich, der tagtäglich versucht, innerhalb eines Cannabis Social Clubs legale, transparente und verantwortungsvolle Strukturen aufzubauen, war dieser Kontrast nur schwer nachzuvollziehen.
Gerade CSCs werden mit strengen Auflagen konfrontiert, müssen jeden Gramm dokumentieren, Prävention betreiben und hohe gesetzliche Anforderungen erfüllen. Gleichzeitig entstand auf der Veranstaltung stellenweise das Gefühl, dass sich illegale Aktivitäten offen und nahezu unbeachtet abspielen konnten. Dieser Widerspruch hat mich persönlich sehr beschäftigt und wirft aus meiner Sicht wichtige Fragen darüber auf, wie Legalisierung und Kontrolle künftig sinnvoll umgesetzt werden sollen.
Besonders frustrierend ist dabei, dass viele CSCs aus idealistischen Gründen entstanden sind. Zahlreiche Menschen engagieren sich ehrenamtlich, wollen Aufklärung betreiben, sichere Strukturen schaffen und den Schwarzmarkt zurückdrängen. Wir investieren Zeit, Energie und Geld, um gesetzeskonform zu arbeiten — und stoßen trotzdem ständig auf neue Hürden.
Auf der Messe wurde mir klar, dass die eigentliche Cannabis-Community Gefahr läuft, zwischen wirtschaftlichen Interessen und übertriebener Regulierung zerrieben zu werden.
Natürlich verstehe ich, dass medizinisches Cannabis eine wichtige Rolle spielt. Patientenversorgung ist essenziell. Doch wenn wirtschaftlich starke Unternehmen nahezu uneingeschränkte Sichtbarkeit genießen, während CSCs sich kaum öffentlich positionieren dürfen, entsteht kein fairer Rahmen.
Die Mary Jane hat deshalb bei mir nicht nur Begeisterung ausgelöst, sondern auch Ernüchterung.
Ich habe dort eine Branche erlebt, die zunehmend kommerzialisiert wird — während diejenigen, die eigentlich für ein gemeinschaftliches und verantwortungsvolles Modell stehen, permanent eingeschränkt werden. Trotz allem nehme ich auch Hoffnung mit:
Die Community wächst. Menschen interessieren sich für Aufklärung, Qualität und legale Strukturen. Der Bedarf an vernünftiger Cannabispolitik ist offensichtlich vorhanden. Und die friedliche Stimmung auf der Messe hat gezeigt, dass ein verantwortungsvoller Umgang mit Cannabis durchaus möglich ist.
Wenn Cannabis Social Clubs langfristig funktionieren sollen, braucht es jedoch endlich faire Bedingungen, rechtliche Klarheit und vor allem Gleichbehandlung.
Denn aktuell fühlt es sich oft nicht so an, als würde man uns unterstützen — sondern eher, als müssten wir uns ständig dafür rechtfertigen, überhaupt existieren zu dürfen.
